Geschichte des Caminito del Rey – Von 1905 bis heute
Ein Weg für Arbeiter, gesperrt, wiedergeboren
Der Caminito del Rey war nie als Wanderweg geplant. Kein Touristenprojekt, kein Freizeitweg, kein Abenteuerpark. Er wurde gebaut, weil man ihn brauchte. Weil ohne ihn ein Kraftwerk nicht gewartet werden konnte. Weil ohne ihn Männer in den Schluchten der Sierra Malagueña nicht vorankamen.
Was heute Millionen von Besuchern aus aller Welt anzieht, begann als nüchternes Stück Infrastruktur – und wurde durch Verfall, Mythos und eine außergewöhnliche Sanierung zu einem der bekanntesten Wanderwege Europas.

1901–1905: Bau unter extremen Bedingungen
Der Auftrag
Zum Jahreswechsel 1900/1901 begann die Gesellschaft Sociedad Hidroeléctrica del Chorro mit dem Bau von zwei Wasserkraftwerken im Desfiladero de los Gaitanes: dem Kraftwerk El Chorro und dem Kraftwerk El Chorro Alto. Beide lagen tief in einer der unzugänglichsten Schluchten der Iberischen Halbinsel.
Um die Anlagen bauen, warten und versorgen zu können, brauchte man einen Zugangsweg direkt an den Felswänden. Einen Weg, wo kein Weg war. Einen Steg, den man in den Fels bohren musste.
Die Arbeiter
Viele der Bauarbeiter waren Seeleute aus Málaga – gewohnt, sich in Höhen zu bewegen, an Masten und Takelagen. Sie wurden angeheuert, weil sie keine Angst vor dem Absturz hatten. Es heißt, auch zum Tode Verurteilte arbeiteten hier, um ihre Strafe zu reduzieren.
Die Arbeitsbedingungen waren extrem: kein Sicherheitsnetz, keine modernen Hilfsmittel, senkrechte Felswände, Sommerhitze und Winterkälte. Wie viele Männer ihr Leben ließen, ist nicht überliefert.
„Ein Meisterwerk der Ingenieurskunst, das aus Fischern Bauarbeiter im Landesinneren machte.“
Fertigstellung 1905
1905 war der Weg fertig. An den engsten Stellen nur 1 Meter breit, direkt in den Kalkstein gerammt, ohne Geländer, ohne Sicherung. Ein Wartungspfad. Funktional. Brutal. Effizient.
1921: Ein König gibt dem Weg seinen Namen
Am 21. März 1921 betrat König Alfons XIII. den Weg anlässlich der feierlichen Einweihung des Staudamms El Chorro. Es war ein Staatsakt. Ein König in den Schluchten Andalusiens.
Von diesem Tag an trug der Weg seinen Namen: Caminito del Rey – der kleine Weg des Königs. Ein großer Name für einen schmalen Pfad.
1989–2002: Vom Verfall zum Schutzgebiet
1989: Naturschutzgebiet
Das Gesetz 2/1989 der Junta de Andalucía erklärte den Desfiladero de los Gaitanes zum Paraje Natural – einem Naturschutzgebiet. Damit war der gesamte Bereich offiziell unter Schutz gestellt: die Schlucht, die Felswände, die Flora, die Fauna.
Der Weg selbst verfiel derweil still und leise. Die Kraftwerke wurden nicht mehr gewartet, die Holzplanken verrotteten, die Seile rosteten. Wer noch darüber ging, tat es auf eigene Gefahr.
2002: Europäisches Vogelschutzgebiet
2002 wurde der Desfiladero de los Gaitanes zusätzlich als ZEPA (Zona de Especial Protección para las Aves) ausgewiesen – ein europäisches Vogelschutzgebiet. Der Grund: die außergewöhnliche Dichte an Greifvögeln in den Thermiken der Schlucht. Gänsegeier, Steinadler, Schmutzgeier und Wanderfalken nisten hier in den Felsspalten.

2000: Sperrung – der gefährlichste Weg der Welt
Im Jahr 2000 wurde der Caminito del Rey offiziell gesperrt. Der Weg war in einem Zustand, der keine andere Entscheidung zuließ: verrottete Holzplanken, fehlende Abschnitte, rostende Halterungen. Wer fiel, fiel tief.
Das hielt niemanden ab. Im Gegenteil: Die Sperrung machte den Weg berühmt. Klettersportler, Abenteurer und Sensationssuchende aus ganz Europa kamen genau wegen der Gefahr. Bilder und Videos vom verfallenen Caminito del Rey verbreiteten sich im frühen Internet und machten ihn zum Mythos.
Verschiedene Medien kürten ihn zum „gefährlichsten Wanderweg der Welt“ – ein Titel, der zur Legende wurde, auch wenn er übertrieben war.

2011–2015: Die Generalsanierung
Das Projekt
2011 begann die Junta de Andalucía mit der vollständigen Sanierung des Caminito del Rey. Das Projekt war ein technisches und logistisches Meisterwerk: Neue Holzstege direkt in den Kalkstein gerammt, Stahlgeländer montiert, Sicherheitssysteme installiert. Alles an Felswänden, die kaum zugänglich waren.
Die Gesamtkosten beliefen sich auf rund 9 Millionen Euro. Finanziert von der Junta de Andalucía und der EU.
Die neue Route
Die sanierte Route ist länger als der ursprüngliche Wartungspfad. Sie integriert Abschnitte des alten Weges, ergänzt durch neue Stegpassagen, Tunneldurchgänge und die spektakuläre Hängebrücke über den Guadalhorce. Ein Glasbodenabschnitt auf dem mittleren Steg wurde ergänzt – für alle, die wirklich nach unten schauen wollen.

Wiedereröffnung 2015
Am 26. März 2015 wurde der Caminito del Rey feierlich wiedereröffnet. Ein Weg, der als gefährliches Relikt galt, war zu einer sicheren, zertifizierten Touristenroute geworden – ohne seinen Charakter zu verlieren.
Zeitleiste auf einen Blick
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1901 | Baubeginn des Wartungspfades |
| 1905 | Fertigstellung – 1 m Breite, kein Geländer |
| 1921 | König Alfons XIII. begeht den Weg, Namensgebung |
| 1989 | Paraje Natural Desfiladero de los Gaitanes (Gesetz 2/1989) |
| 2000 | Offizielle Sperrung wegen Verfall |
| 2002 | ZEPA – Europäisches Vogelschutzgebiet |
| 2011 | Beginn der Generalsanierung |
| 2015 | Wiedereröffnung nach vollständiger Renovierung |

Heute: Einer der meistbesuchten Wanderwege Europas
Heute zieht der Caminito del Rey jährlich Hunderttausende von Besuchern an. Die tägliche Besucherzahl ist begrenzt – was dazu führt, dass Tickets oft Wochen im Voraus ausverkauft sind.
Der Mythos vom gefährlichsten Weg der Welt ist Geschichte. Was geblieben ist: die Schlucht, die Stille und ein Weg, der erzählt, wie Menschen Unmögliches möglich gemacht haben.
Tickets kauft man über das offizielle Portal unter caminitodelrey.info oder über Tourenanbierter wie GetYourGuide.com – Vorabreservierung dringend empfohlen.
